Politische Moral
2. Juli 2019

Unterwegs

Oh mann! Schuhe vergessen. Dabei hatten wir bereits die ersten 100m der Basel-Thailand Reise hinter uns. Ohne Schuhe kein Thailand, denke ich mir, und wende den Toyota-Bus mit sehr, sehr hohem Hochdach noch einmal.

Begonnen hatte alles mit einem Traum: Mit dem VW-Camper durch die USA zu reisen. Politische und kulturelle Ansichten und Bedürfnisse haben sich geändert. Die USA schien nicht mehr ganz so reizvoll wie mit 14 Jahren. Viel lieber wollte ich durch Eurasien reisen.

Mit dem Abschluss der Schule war klar, sobald wie möglich gehen zu wollen. Ich jobbte schon seit mehreren Jahren, jedoch längst nicht genug, um davon ein Auto kaufen zu können.

Also suchte ich mir mehrere Jobs gleichzeitig und schaute mich mit meiner Freundin Lena nach einem geeigneten motorisierten Weggefährten um. Einer, der uns 30’000 km bis nach Thailand fährt. Nach ein paar Schlägen ins Wasser, mit zwielichtigen Autohändlern, fanden wir den perfekten Bus. Für knapp 9’000 CHF kauften wir einen MFK geprüften Bus mit Hoch-hochdach.

Diesen baute ich während ein bisschen mehr als sechs Monaten zu unserem zukünftigen Zuhause um. Fliessendes Wasser, Blumenkästen, Kissenbezüge und Vorhänge aus Leinen. Ich habe Regale gebaut, eine herausziehbare Kühlbox, ein Solarpanel auf dem Dach installiert. Mein Highlight: LED-Beleuchtung im ganzen Bus, welche per Fernbedienung die Farbe wechselt. Lena war zu dieser Zeit 4 Monate in der USA und Südamerika, wo ich sie schliesslich nach einigem Hin- und Her doch noch besuchte (sorry Umwelt). Als sie Anfangs Februar 2019 zurück kam, beendeten wir den Umbau des Busses zusammen.

Eigentlich war alles bereit. Der «Campi» stand bei mir vor der Türe. Umgebaut und ready to go. Die Freundin zurück aus fernem Lande. Nur den Führerschein hatte ich noch nicht. Dies sollte auch noch eine Zeit so bleiben. Erst beim dritten Anlauf bestand ich die Prüfung.

Exakt sieben Tage nachdem ich die Autoprüfung bestanden habe, vergass ich meine Schuhe zuhause und wir wendeten noch einmal.

Basel-Norwegen-Griechenland-Türkei-Kasachstan-China-Thailand.

Dies sind die Etappenziele. Ob wir es bis nach Thailand schaffen, steht mehr als noch offen. Wir fahren einfach so lange, bis wir wieder nachhause wollen. Oder müssen, wegen doppelten Achsenbruchs. Das Ziel ist einfach zu fahren und zu schauen, wohin es uns innerlich und äusserlich bringen wird.

Über den Bodensee fuhren wir innerhalb weniger Tage nach Berlin wo wir unseren ersten längeren Halt einlegten. Kurz vor Berlin bemerkten wir, dass Ich den Fahrzeugausweis zu Hause vergessen hatte. Eigentlich das Erste an was man denken soll, wenn man losfährt. Nach Benzin im Tank oder den eigenen  Schuhen. Es war allerdings halb so wild, da meine Mutter ihn uns per Post schicken konnte. Danke Mama!

Nach ein paar Tagen in Berlin, besuchten wir Verwandte in ihrem Ferienhaus in der norddeutschen Uckermark, wo wir wunderschöne Tage verbrachten. Danach reisten wir weiter an die Ostsee. Wir fuhren der Küste entlang vom Osten in den Westen. Unser Weg führte uns über die Insel Usedom zu der Insel Hiddensee, über viele sehr verschlafene Hansestädtchen mit ihren Backsteingebäuden. Als wir dann im Ferienörtchen Boltenhagen ankamen, packte uns das Fernweh. Zwar war die Umgebung mit dem Meer, der romantische Architekturstil und die Natur wirklich sehr schön, doch leider wurde das Bild durch übergewichtige und teils unfreundliche deutsche Rentner getrübt. Schlecht gemachte Playbacks an einer «Schlagernight», zu welcher alle wie Zombies strömten und die krasse Komsumgesellschaft liessen einen faden Beigeschmack. Die «Bockwurst-Kultur» liess und dann sehr schnell nach Dänemark flüchten und wir übersprangen die Nordsee Deutschlands.

Mit sehr viel Zeit fuhren wir die Westküste Dänemarks ab. Auf nicht mehr als 500m breiten Landstreifen mit Meer links und Fjorden rechts, fuhren wir durch endlose Weiten. An manchen Tagen fuhren wir nicht mehr als eine halbe Stunde und liessen die Landschaft auf uns wirken. Die Strecke sah aus wie eine Hobbitlandschaft. Kleine Hügel überall und zwischen den Hügeln alle paar Kilometer ein kleines rot-weisses Häuschen. Alle 100km kam ein kleines, verschlafenes Fischerdorf, in dem man einen überteuerten Kaffee trinken konnte. Unser Zeitgefühl war dahin. In der Nacht wurde es nicht mehr richtig dunkel. Wir liessen uns der Küste entlang nordwärts treiben, gesteuert von unserer Intuition und innerem Rhythmus. Uhrzeit, Datum, geregelte Gewohnheiten, Zeitdruck, alles wurde unwichtig. Ist man der Natur so ausgesetzt, fängt man an, nach seinen innersten Bedürfnissen zu leben und den kleinsten Angelegenheiten grösste Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Route führte uns schlussendlich nach Aalborg, der viertgrössten Stadt Dänemarks, wo wir eine Freundin Lenas besuchen. Hier sind und bleiben wir nun für 2-3 Tage, bis wir die Fähre nach Norwegen nehmen.

 

 

 

5 Comments

  1. Smutje sagt:

    Toll geschrieben! freue mich auf mehr:)

  2. Kapitän sagt:

    Erfüllte mich sowohl mit einem Lachen als auch mit nostalgischen Gefühlen des vermissens…

    Ich sehe solange nach dem Smutje und freue mich ebenfalls auf mehr.

    Gniesses! N.

  3. mette sagt:

    schön geschrieben! Schöne Grüsse aus Wallis

  4. Krüsimüsli sagt:

    aha also hier kann man so mit Kommentaren und so

  5. Stefan Bruns sagt:

    Hallo Moritz, Mister Unterwegs!
    Dein erster Text hat Lust und Neugier auf viel mehr gemacht! Wann schreibst du mehr? Ich bin ungeduldig! Liebe Grüße, Stefan

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