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Unterwegs im Norden

Nach einer eher unangenehmen Reise auf der Fähre kommen wir in Gdynia, Polen an. Obwohl uns nur 10.5h Schiffsaufenthalt von Südschweden trennen, ist es ein Kulturschock. Wir fragen Kinder nach dem Weg, welche vor riesigen Blockhäusern mit Ziegelsteinen spielen und gebannt den vorbeifahrenden Autos nachschauen. Geschwindigkeitsbegrenzungen sind eher als wohlgemeinte Empfehlung zu verstehen und der Verkehr ist sehr anspruchsvoll. Wir verbringen die Nacht auf einem Parkplatz und fühlen uns lange nicht so sicher wie in der Nacht zuvor in Skandinavien.

Am nächsten Tag geht es mit sehr schlechten Strassenverhältnissen weiter nach Warschau. Dort gings zuerst mal direkt in die Toyota Garage.

Wir liessen unseren Bus dort und trafen drei Freunde aus Basel (von der sehr empfehlenswerten Band Weird Fishes) mit denen wir die nächste Woche verbringen würden. Drei Tage in Warschau gingen schnell vorüber, gefüllt mit vielen lustigen Ereignissen, vielen Barbesuchen und Beachvolleyball mit anschliessendem Sonnenbrand. Danach fuhren wir zusammen weiter nach Krakau, in den Süden Polens. Dort mieteten wir ein Airbnb, in einem ziemlich heruntergekommenen Altbau, in dessen Hof sich die Ratten tummelten. Polnisches Fernsehen (an sich übel, aber der Sportkanal ging) und die wunderschöne Stadt Krakau, mit sehr sehenswertem zeitgenössischen Museum, hatten es uns sehr angetan. Wir merkten schnell, dass wir uns sehr von dem Stadtleben entwöhnt hatten und es eher anstrengend als erholsam war. Zum Glück hatten wir eine wunderschöne Zeit zu fünft, was half, den Grosstadtstress ein wenig zu übersehen. 

Nach sechs Tagen Trouble fuhren wir zu fünft in die Slowakei. Dort verbrachten wir zwei Tage auf einem überteuerten Campingplatz, der aber alles bot, was das Herz begehrte. Inklusive kaltem, frischgezapften Bier mit Bedienung zum Bus, resp. zu den Zelten. Trotzdem zahlten wir zu fünft für eine Nacht umgerechnet 90 Franken, was wohl an unseren Schweizer Nummernschildern lag. Die Tage verbrachten wir hauptsächlich am nahegelegenen See beim Baden und Kartenspielen und in heruntergekommenen Restaurants, wo man ausschliesslich das Nationalgericht «Langos» essen (Preis: 45Cent) konnte: Frittierter Teig mit Reibkäse und Ketchup bedeckt. Nach 10 Minuten war uns schlecht. Exklusives slowakisches Übelsein. Danach trennten sich unsere Wege; sie fuhren nach Prag, wir nach Ostungarn.

In Ostungarn angekommen, übernachteten wir an einem kleinen und idyllischen Fischerhafen. Am nächsten Morgen wurde lautstark an unseren Bus gepoltert. Wir rechneten schon damit gehen zu müssen, als uns ein Mann in einwandfreiem Englisch fragte, ob wir noch irgendetwas bräuchten. Er stellte sich als Eric, der Hafenwächter vor und zeigte uns begeistert die Toiletten und lud uns auf einen Kaffee in sein kleines Büro ein.

Da es  gutes Wetter war wollten wir einen kurzen Fahrradausflug an den nahegelegenen und wunderschönen See machen. Da wir blöderweise unsere Fahrräder zuhause gelassen haben, wollten wir welche mieten. Er rief seine Frau an, die 20 Minuten später mit dem Auto ankam und uns zwei sehr klapprige Drahtesel vor die Füsse stellte. Mit Adiletten, Boxershorts und einer Kamera gings dann los. Eric, der Wächter, der nebenbei Imker von 120 Bienenvölker ist, meinte, es wäre nicht allzu weit um den See zu fahren. Er sah allerdings nicht aus, als fahre er viel Fahrrad und seine Velos taten es auch nicht.

Erstmals aufgefallen sind uns Hardcore-Sportler auf Rennrädern mit Profi-Plastikflaschen am Gurt. Wir dachten uns nicht viel dabei und ignorierten ihre verwunderten Blicke. Nach 30km in 37 Grad Hitze und ziemlich fertig fanden wir eine Ortskarte. Ein Weg dauerte 64km! Zurück wollten wir nicht und so ging es weiter mit knarzenden Rädern (das eine war aus London aus dem Jahre 1952 und das andere noch schlechter) und ohne Wasser. Als dann auch noch ein Ungewitter mit starkem Gegenwind aufzog, war es endgültig vorbei mit dem vermeintlich entspannten Fahrradausflug am See. Mit malträtierten Füssen (Sportschlappen sind eben keine Sportschlappen) und ziemlich (!) am Allerwertesten erreichten wir dann wieder Erics Hafen, welcher uns abermals in sein Büro bugsierte und mit uns Melone und Bier teilte.

Wir redeten noch tief in die Nacht. Ich habe sehr viel gelernt bei den langen Gesprächen mit ihm. Er, ein herzensguter Mensch der viel Freude am Leben findet und sehr interessiert und offenherzig ist. Und trotzdem sehr rassistisch. Obwohl er 12 Jahre in London gelebt hat und viel herumgekommen ist, vertritt er eine Antihaltung gegenüber Flüchtlingen aus Afrika. Seiner Meinung nach, dürfen Flüchtlinge den Zaun, welcher Ungarn umgibt, nicht übertreten. Wenn sie seinen Hafen besuchen würden, wäre alles vermüllt und seine Frau misshandelt.

Viktor Orban wählen würde er jedoch nicht. Für ihn sind aber alle Bankiers, Politiker und Medien vom Teufel besessen, weshalb er auch keinerlei Medien konsumieren würde.

Von wo er dann sein «Wissen» über Flüchtlinge hat, habe ich nicht gefragt. Fehlende Begegnungen, ja Bildung, lassen so einen herzensguten Mann eine von Angst verzerrte Meinung über eine europäische Problematik haben, über welche er im Grunde einfach zu wenig weiss. Seine Argumente sind lediglich auf Angst vor Vergewaltigung, Diebstahl, Vermüllung und Entwertung der eigenen Kultur aufgebaut und haben keine Basis. Für mich ist klar, dass er eine grundlegend andere Position gegenüber Flüchtlingen einnehmen würde, wenn ein Kontakt entstehen würde.

Wir waren uns sicher, dass dies ein grosses Problem der europäischen Bevölkerung darstellt: Offene und äusserst liebenswerte Menschen, welche aus Angst Menschen und Dinge be-(bzw. ver-)urteilen, die sie lebtags noch nie gesehen haben. Es fehlt an Aufklärung.  Denn in bin sicher, dass Eric schwer getroffen wäre, wenn er das Leid der Flüchtlinge mit eigenen Augen sähe.

Nach dem Ostungarischen Intermezzo fuhren wir wieder westlich an den Balatonsee, an welchem wir unseren guten Freund Niccolo aufgabelten, welcher per Autostopp von Basel ankam. Wir wollten noch ein paar Tage am Strand entspannen, bevor das Samsara-Festival anfing. Vorhin wollten wir aber nochmals einkaufen. Leider passte unser 2.5m hohe Bus nicht in die 2.1m hohe Garage (ja, es gab ein Warnsignal) und der Beweis dafür war eine fehlende Dachluke. Da für die nächsten Tage Regen angesagt war und wir doch lieber im Freien duschen wollten, fuhren wir 160km östlich von Budapest (für uns eine Tagesreise) um zu entdecken, dass die Campergarage unangekündigt in den Ferien war. Resp. Die Arbeiter. Die Garage stand noch da. Nach einigem Hin und Her, vielen Service-Garagen und Beratern, flickten wir das Problem 160km entfernt von der Unfallstelle mit Duckt-Tape. Es ist bis heute dicht. Lena trampte nach Budapest um ihre beste Freundin Joana von dort abzuholen und Ich fuhr nach einer kurzen Nacht wieder mit Niccolo runter an den Balatonsee, in wessen Nähe sich das Samsara-Festival befand, für welches wir Tickets hatten. Dieser Tag sollte die Einleitung für die drei schlimmsten Tage sein, die ich seit langem erlebt habe.

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