Unterwegs im Norden
25. August 2019

Unterwegs in Zentralasien

Wir befinden uns auf dem Kaspischen Meer. Auf einem schwankenden Containerschiff, das nach Kasachstan fahren wird. Seit nun drei Tagen stehen wir auf der gleichen Stelle, beide Anker runtergelassen. Da um uns herum der Sturm tobt und der Wellengang zu hoch ist, können wir nicht weiterfahren. Mit uns sind nur noch Lastwagen-Fernfahrer auf dem Frachter, welche ihre Zeit mit dem Trinken von Selbstgebranntem und Schlafen verbringen. Wir spielen hauptsächlich Karten und lesen viel.

Viel Zeit ist vergangen seit meinem letzten Eintrag. Nach Osteuropa fuhren wir über Griechenland in die Türkei, in der wir 1 ½ Monate blieben weil es uns so gut gefiel. Ständig wurden wir eingeladen bei verschiedenen Familien, gingen mit Fischern fischen und knüpften viele schöne Bekanntschaften.

Über Georgien nach Armenien und dann nach Aserbaidschan gings weiter, von wo wir dann die Fähre nahmen. Unser Bus steht vor dem Polizeiposten am Hafen. Eigentlich dürfen wir ohne Bus gar nicht mehr ausreisen (mussten wir an der Grenze unterschreiben). Aber mit viel Goodwill des Hafenmeisters und dem Wegsehen der Ordnungskräfte konnten wir nach mehrstündigem Handeln doch den Ausreisestempel im Pass willkommen heissen.

Je weiter wir uns von Zuhause entfernen, desto mehr hilft uns unser Schweizer Pass. Sobald wir den Pass zeigen, sprudelt praktisch jeder von freudigen Vorurteilen und nimmt seinen Job (z.B uns zu kontrollieren) nicht mehr ganz so ernst.

Immer mehr lernen wir zu wissen, welchen grossen Luxus wir mit der Schweiz als Heimatsland haben. Zuhause wussten wir es auch, aber es war mehr eine Ahnung. Da ich Armut und die anderen Lebensweisen nur aus Kurztrips (z.B. drei Wochen Ferien mit Tourguide in Südafrika) kannte, oder aus dem Internet. In meinem gleichaltrigen Umfeld gehört es auch ein wenig zum guten Ton, zu «wissen» wie privilegiert man in der Schweiz ist.

Wie sehr öffnet uns diese Reise unsere Augen! Die Schweiz erscheint mehr als Blase, denn als Realität. Wie perfekt sind unsere Strassen, zahlreich und frisch die Lebensmittel in Migros und Coop und korrekt und ehrlich die staatlichen Einrichtungen, wenn man als Vergleich Länder hat wie Armenien oder Aserbaidschan. Wie muss einem Armenier oder einem Kasachen die Schweiz vorkommen?

Es kommt mir immer unwirklicher vor, wie wir in der Schweiz leben dürfen. Schweizer Freunde von mir, die die Schule schleifen liessen, machen mal schnell-schnell eine Lehre als Koch oder Maler um wenigstens etwas in der Hand zu haben. Welches Ansehen geniesst in Armenien oder Georgien ein gelernter Maler! In Ländern, in denen der Hirtenberuf weit verbreitet ist, in denen viele Kinder keine Schulbildung erhalten.

Ich bin froh um das Glück in der Schweiz aufgewachsen zu sein. Froh darüber, nach der Schule mal eben ein wenig arbeiten zu können, um dann mit dem eigenen Hippie-Bus auf Reisen zu gehen. Es ist ungerecht, doch ich kann genauso wenig dafür in so Umständen aufgewachsen zu sein, wie ein armenischer Hirtensohn, der wahrscheinlich sein Land nie verlassen wird.

Meiner Meinung nach, ist es für junge Menschen wie mich enorm wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Sich bewusst werden, dass man es sich nicht verdient hat in so einem Land wie der Schweiz aufzuwachsen und sein Selbstbewusstsein nicht darauf aufbaut. Sich manchmal daran erinnern, wie es Gleichaltrigen geht, die in anderen Teilen der Welt leben.

Es ist schwer, in regelmässigen Abständen zu schreiben, wenn man keinen Struktur im Alltag hat. Täglich erwarten uns neue Abenteuer und Aufgaben, täglich lernen wir neue Menschen kennen und tauchen in ihr Leben ein. Ich werde jedoch versuchen, wieder mehr zu schreiben und meine Gedanken festzuhalten.

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